Leseprobe für "Chronische Schmerzen"



Wesley und der Kreislauf der Rückenschmerzen


Wesley ist 42 Jahre alt und lebt seit Jahren mit chronischen Rückenschmerzen. Anfangs waren es Verspannungen, später Bandscheibenprobleme. Die Schmerzen bestimmten irgendwann seinen Alltag.
 
Wesley dachte häufig: "Ich kann meinen Beruf bald nicht mehr ausüben" oder "Wenn ich mich bewege, mache ich alles schlimmer." Diese Gedanken machten ihn ängstlich und führten dazu, dass er sich körperlich immer weniger zutraute. Seine Muskeln bauten ab, die Schmerzen nahmen zu – ein Teufelskreis.
 
An Tagen, an denen er aktiv blieb, z. B. durch einen Spaziergang oder Übungen, merkte er: "Ich kann selbst etwas beitragen – es hilft." Wesley erkannte, dass seine bewertenden Gedanken maßgeblich beeinflussten, wie er seine Gefühle wahrnehmen konnte und wie er sich daraufhin verhielt. Mit physiotherapeutischer Anleitung lernte er, Bewegungen und Haltungen im Alltag so zu gestalten, dass sie seinem Rücken guttaten. Zudem begann er mit kräftigenden Übungen, die zusätzlich sein Selbstvertrauen stärkten. Mit Hilfe psychologischer Unterstützung lernte er, auch auf gedanklicher Ebene aus diesem negativen Kreislauf auszusteigen und stattdessen das zu fokussieren, was möglich war. Er begann wieder Freude zu erleben und verstand, dass dies vorher durch seine verengte Sichtweise nicht möglich war.


Serdal und die doppelte Last


Serdal, 50 Jahre alt, leidet seit einem Autounfall unter chronischen Schmerzen in der Hüfte. Er entwickelte eine depressive Verstimmung, fühlte sich erschöpft, antriebslos und zunehmend isoliert.
 
Seine Gedanken kreisten oft um:"Ich funktioniere nicht mehr" oder "Ich bin eine Last für andere." Diese Selbstabwertung verstärkte seine Niedergeschlagenheit und auch den Schmerz.
 
Er merkte: Wenn er etwas tat, das ihm Freude bereitete – ein Gespräch, ein Spaziergang, Musik – fühlte sich der Schmerz weniger erdrückend an. Serdal  lernte: Seine Gefühle und sein Schmerz beeinflussen sich gegenseitig. Im Rahmen der Psychotherapie löste er sich von negativen Glaubenssätzen und gab stattdessen positiven Sichtweisen mehr Raum. Zudem erlebte er wieder Freude an Bewegung, indem er das machte, was möglich war. Die positiven Veränderungen bestärkten sein Selbstwirksamkeitsempfinden und so fand er wieder mehr Zugang zu sich selbst.


Sabine und die unsichtbare Erschöpfung


Sabine ist 38 Jahre alt, berufstätig und lebt mit Fibromyalgie. Ihre Schmerzen sind diffus, mal stärker, mal schwächer, begleitet von Erschöpfung, Schlafproblemen und Konzentrationsstörungen.
 
Sie dachte oft: "Niemand versteht, wie es mir geht" oder "Ich bilde mir das vielleicht nur ein" – weil Behandler nichts fanden und ihre Beschwerden schwer greifbar waren. Diese Gedanken führten zu Einsamkeit, Frust und dem Rückzug von Freundinnen, Freunden und dem Kollegium.
 
In Momenten, in denen sie sich selbst mitfühlend begegnete, kleine Aufgaben schaffte oder sich Ruhe gönnte, merkte sie: "Ich habe Einfluss – auch wenn nicht alles geht." Sabine verstand, dass ihre eigenen Gedanken sie oft in ein Gefängnis aus Selbstzweifeln, Strenge und nicht erfüllbaren Anforderungen sperrten. Der mitfühlende Umgang mit sich selbst löste langsam diese inneren Fesseln.
 
Durch diese Erfahrungen verstand sie, dass nicht nur ihr Körper, sondern auch Gedanken und Bewertungen ihre Situation beeinflussten. Ein freundlicherer Umgang mit sich selbst wurde zur Kraftquelle.


Lea zwischen Zweifel und Schmerz


Lea ist 35, klagt seit Jahren über Schmerzen im gesamten Körper – ohne erkennbare körperliche Ursache. Die Diagnosen waren vage, viele Ärzte zuckten mit den Schultern.
 
Sie dachte häufig: "Ich bin vielleicht einfach nur empfindlich" oder "Irgendetwas muss doch kaputt sein." Diese Zweifel verunsicherten sie, sie zog sich zurück und googelte stundenlang mögliche Ursachen, was sie nur noch mehr verunsicherte und oft Ängste schürte, die sie nachts nicht schlafen ließen.
 
Wenn sie sich auf ihre eigenen Bedürfnisse besann, aktiv blieb und Entspannungsübungen machte, fühlte sie sich weniger ausgeliefert. Lea verstand: Der Schmerz ist real, auch wenn keine organische Ursache sichtbar ist. Ihre Gedanken und die ständige Suche nach Erklärungen verstärkten ihre Unsicherheit und führten zu innerem Stress – der den Schmerz befeuerte. In der Psychotherapie lernte sie, sich wieder mehr zu vertrauen.


Jo und der Druck im Kopf


Jo ist 29, arbeitet im Büro und leidet seit Jahren unter Spannungskopfschmerzen. Besonders abends oder bei Stress meldet sich der dumpfe, drückende Schmerz.
 
Er dachte oft: "Ich darf keine Pause machen, sonst gerate ich in Rückstand" oder "Wenn ich mich nicht anstrenge, verliere ich den Anschluss." Die innere Anspannung spiegelte sich in seinem Nacken – der Schmerz kam fast täglich.
 
Je mehr sich sein Blick auf "
mit der Aufgabe fertig werden müssen" verengte, desto stärker wurde die Anspannung. Wenn es hingegen gelang, durch Entspannung, Achtsamkeitsübungen oder bewusste Pausen, Abstand zu gewinnen, merkte er: "Die Forderungen an mich selbst führen zu Stress. Darauf reagieren mein Kopf und meine Muskeln. Aber ich kann gegensteuern!"
 
Jo lernte, wie stark seine Erwartungen an sich selbst seine Spannung und damit den Schmerz beeinflussten. Er unterbrach rechtzeitig die Schmerzspirale und konnte über Veränderungen im Denken und Handeln die Schmerzhäufigkeit und -intensität langfristig senken.


Lesebeispiel 2, Seite 19
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